Rio de Janeiro

Rio de Janeiro

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Rio de Ja|nei|ro [- - ʒa'ne:ro ]:
Stadt in Brasilien.

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Rio de Janeiro
 
['rriːo de ʒa'neːro, brasilianisch 'rriu di ʒa'nei̯ru, »Januarfluss«],
 
 1) Hauptstadt des gleichnamigen brasilianischen Bundesstaates, Hafen an der Guanabarabucht (einer der größten und besten Naturhäfen der Erde), (1996) 5,551 Mio. Einwohner (»Cariocas« genannt; 1799: 43 000, 1821: 113 000, 1849: 226 000, 1890: 523 000, 1914: 1 Mio., 1950: 2,335 Mio., 1970: 4,252 Mio.); zur städtischen Agglomeration (1996: 10,192 Mio. Einwohner) gehören u. a. die Nachbarstädte Duque de Caxias, Nova Iguaçu und Niterói. R. de J. ist Sitz eines Erzbischofs; staatliche Universität (gegründet 1920), katholische Universität (gegründet 1940), Universität des Staates (gegründet 1950), private Universität (gegründet 1972), wissenschaftlichen Akademien und Institute, Goethe-Institut, Nationalarchiv, Nationalbibliothek, Nationalmuseum (in der ehemaligen kaiserlichen Sommerresidenz Quinta da Boa Vista; bedeutende naturhistorische Sammlungen) u. a. Museen, zoologischer und botanischer Garten.
 
Nach São Paulo ist R. de J. das bedeutendste Handels-, Finanz- und Industriezentrum Brasiliens. Der Hafen ist der wichtigste Importhafen des Landes; im Export und Gesamtumschlag wird er nur von Santos übertroffen. Wichtige Wirtschaftsbereiche sind die Nahrungs- und Genussmittel-, Textil- und Bekleidungs-, Leder-, Schuh-, Papier-, Metall verarbeitende, Maschinenbau-, elektrotechnische, chemische, pharmazeutische Industrie, Herstellung von Glas, Keramik, Autoreifen und Möbeln, Schiffbau, Eisenbahnreparaturwerkstätten; Verlage und Druckereien. Zu den Anziehungspunkten des bedeutenden Fremdenverkehrs gehören die Badestrände, deren bekanntester Copacabana (5 km lang, am Atlantik im Stadtteil Copacabana [außerordentlich hohe Bevölkerungsdichte]) ist, und der alljährliche Straßenkarneval. Das Fußballstadion Maracanã (seit 1950; mehr als 180 000 Plätze) ist das größte seiner Art. Die Stadt ist durch vier Eisenbahnlinien mit dem Hinterland verbunden; sie besitzt zwei Flughäfen (Galeão auf der Ilha do Governador für den internationalen, Santos Dumont für den Inlands- und militärischen Verkehr) und seit 1978 eine U-Bahn (im Ausbau). Eine 13,9 km lange Brücke über die Guanabarabucht verbindet die Stadt mit Niterói.
 
Aus der feuchtheißen, ehemalig sumpfigen Küstenebene der Baixada Fluminense, auf der R. de J. liegt, ragen die höchsten Erhebungen der abgesunkenen Küstenscholle als Einzelberge (Morros) und kleine Gebirgsstöcke (Maciço da Tijuca, bis 1 021 m über dem Meeresspiegel) aus Gneis und Granit steil empor. Durch schalige Abschuppung entstand die Glockenform des Zuckerhuts (brasilianisch Pão de Açúcar, 395 m über dem Meeresspiegel) am westlichen Eingang zur Baía de Guanabara (Seilbahnen zum Gipfel, der einen Waldrest trägt). Westlich des Zuckerhuts liegt der 704 m über dem Meeresspiegel hohe Corcovado in der Serra da Carioca, ebenfalls ein Glockenberg (Westhang bewaldet), auf dessen Gipfel (Straße und Zahnradbahn) G. D. Vargas 1931 die 38 m hohe Christusstatue (Beton) errichten ließ. Eingeschnürt zwischen Atlantik, Baía de Guanabara und Bergen kann sich R. de J. kaum noch ausdehnen.
 
 
Die Altstadt wurde im 20. Jahrhundert mehrfach durch Sanierungen, Abtragungen, Neubauten und große Straßendurchbrüche (Avenida Rio Branco, Avenida Presidente Vargas) umgestaltet, das Stadtbild ist heute weitgehend von Hochhäusern bestimmt, daneben gibt es trotz der Errichtung neuer Wohnsiedlungen am Stadtrand (u. a. 1962-75 zwangsweise Umsiedlung in Sozialwohnungen) immer noch, meist an den Berghängen (hohe Erdrutschgefahr), Elendsviertel (Favelas). In den etwa 350, meist auf illegal besetztem Boden errichteten Favelas leben etwa 2 Mio. Einwohner, d. h. etwa 40 % der Stadtbevölkerung (1950: 8,5 %). An der Küste entlang den Buchten von Flamengo und Botafogo ziehen sich vielspurige Autostraßen zu den eleganten Wohn- und Badestadtteilen Copacabana, Ipanema und Leblon. R. de J. besitzt nur wenige Zeugnisse der Kolonialarchitektur: Kirche des Klosters São Bento (1910-20, Ausstattung vom Vorgängerbau, 1693 bis 1720), das Karmeliterkloster und das Franziskanerkloster Santo Antônio aus dem 17. Jahrhundert, die Kirchen Nossa Senhora da Glória (1771) und Nossa Senhora de Candelária (1775-1811). Die alte Kathedrale (gegründet 1761, oft umgebaut) zeichnet sich durch ihre Wand- und Deckengemälde aus; die moderne Kathedrale in Form eines abgestumpften Kegels von 80 m Höhe entstand 1964-76. Von den Profanbauten der Kolonialzeit ist u. a. der Aquädukt Arcos da Carioca (1750; zweistöckig mit monumentalen Rundbogenarkaden) erhalten. Die Oper (1909 eröffnet) ist eine verkleinerte Nachbildung der Pariser Oper.
 
In R. de J. entstand mit dem Ministerium für Bildung und Gesundheitswesen (heute Palacio de Cultura, 1937-43) der erste richtungweisende Bau der modernen Architektur in Brasilien, ausschlaggebend waren Bauvorstellungen von Le Corbusier, beteiligt waren namhafte brasilianische Architekten: L. Costa, O. Niemeyer, A. E. Reidy, von dem auch der Siedlungskomplex Pedregulho (1947-52) und das Museo de Arte Moderna (1954-58) stammen; Empfangshalle des Flughafens Santos Dumont (1938-44; Gebrüder Roberto), Wohnhäuser am Parque Guilen von Costa (1948-54). Gestaltung des Parque do Flamengo (1955-65) durch den Gartenarchitekten Roberto Burle-Marx (* 1909, ✝ 1994) und Reidy.
 
 
Erst Jahre nach den ersten Erkundungen Brasiliens durch die Portugiesen (seit 1500) gründeten französische Hugenotten auf einer Insel der Guanabarabucht eine Niederlassung. Um die Franzosen zu vertreiben, sandten die Portugiesen Estácio de Sá (✝ 1567) in die Gegend. Dieser gründete am 1. 3. 1565 auf dem flachen Sandstrand zwischen dem Zuckerhut und dem Morro Cara de Cão die Vorläufersiedlung der heutigen Stadt, São Sebastião do R. de J., die 1567 weiter ins Inland auf einen Ausläufer des Maciço da Tijuca, den Morro de São Januário (später Morro do Castelo), verlegt wurde. 1585 zählte die Stadt 4 000 Einwohner und begann, sich in die Küstenebene auszudehnen. In der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts setzte eine schnelle Stadtentwicklung ein, gefördert durch den Goldbergbau in Minas Gerais. 1763 wurde R. de J. anstelle von Bahia (heute Salvador) Hauptstadt des kolonialen Brasilien, 1808-21 war es Sitz des vor Napoleon I. geflohenen portugiesischen Königshofes. In dieser Zeit ließen sich über 24 000 meist portugiesische Einwanderer in der Stadt nieder, die nach Erlangung der Unabhängigkeit Brasiliens (1822) dessen Hauptstadt (bis 1960) und Sitz des kaiserlichen Hofs beziehungsweise der republikanischen Regierung wurde.
 
 
E. M. L. Lobo: História do R. de J., 2 Bde. (Rio de Janeiro 1978);
 H. Wilhelmy u. A. Borsdorf: Die Städte Südamerikas, Tl. 2: Die urbanen Zentren u. ihre Regionen (1985);
 G. W. Achilles: Strukturwandel u. Bewertung sozial hochrangiger Wohnviertel in R. de J. (1989).
 
 2) Bundesstaat an der Küste Brasiliens, 43 910 km2, (1996) 13,4 Mio. Einwohner; Hauptstadt ist Rio de Janeiro. Parallel zur schmalen Küstenebene (mit Haffen) erheben sich die steilen Randstufen des Brasilianischen Berglands (Küstengebirge Serra do Mar und, getrennt durch das breite Tal des Paraíba, Serra da Mantiqueira mit der höchsten Erhebung Agulhas Negras, 2 890 m über dem Meeresspiegel). Im Nordosten werden auf fruchtbaren Schwemmlandböden v. a. Zuckerrohr, Mais, Reis, Maniok, Zitrusfrüchte und Bananen angebaut. Der seit Anfang des 19. Jahrhunderts im Gebiet des Paraíba begonnene Kaffeeanbau ist heute bedeutungslos. Schon im 16. Jahrhundert begann die Zerstörung der Waldvegetation durch Brandrodung; Wiederaufforstungsmaßnahmen seit Mitte des 20. Jahrhunderts. In den Haffen wird Salz gewonnen; vor der Küste (bei Campos) Erdölförderung. Volta Redonda ist eines der Zentren der brasilianischen Schwerindustrie, wichtige Industriestädte sind neben der Hauptstadt u. a. Campos, Niterói, Nova Iguaçu, Duque de Caxias, Petrópolis. Fremdenverkehrszentren sind außerhalb der Hauptstadt v. a. die durch ihre Höhenlage begünstigten Städte Petrópolis, Teresópolis und Nova Friburgo. - R. de J. ist seit 1975 mit Guanabara vereinigt. - Die Geschichte des Staates ist eng mit der der Stadt Rio de Janeiro verbunden. 1834 wurde die Stadt aus dem seit 1642 bestehenden Kapitanat R. de J. ausgegliedert und Niterói zur Hauptstadt erhoben. 1975 wurde der Staat Guanabara eingegliedert und Rio de Janeiro Hauptstadt.
 

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Rio de Ja|nei|ro [- - ʒa'ne:ro]: Stadt in Brasilien.

Universal-Lexikon. 2012.

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